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Lichtkunst-Welten unter der Erde
von Michael Hametner
Es werde Licht unter der Erde...

…und es ward Licht, aber nicht unter der Erde! Weil das Licht gut war - so steht es im 1. Buch Mose des Alten Testaments –, schied Gott daraufhin das Licht von der Finsternis und leistete (das steht natürlich nicht bei Mose, ich möchte nicht blasphemisch sein) indirekt seinen Beitrag zur Entstehung der Geraer Höhler Biennale.

Im Allgemeinen denken wir uns unter der Erde das Dunkel. Für die Höhler Biennale gilt es nicht. Alle zwei Jahre, in diesem Jahr vom 23. Juni bis zum 15. Oktober, lädt der Verein zur Erhaltung der Geraer Höhler Künstler dazu ein, Licht in die Höhler unter Gera zu tragen. Höhler sind kleinere Räume, die professionell von Bergleuten in den Stein geschlagen worden sind. Die ersten im 17. Jahrhundert.

Von Einstürzen in den vierhundert Jahren, seit dem die ersten Höhler als unterirdische Lager- und Kühlräume für Bier schon existieren, habe ich nichts gelesen. In diesem Jahr waren die Künstler eingeladen, Installationen zum Thema SCHATTENwelten zu entwickeln. 68 Bewerbungen hat es für die 8. Biennale gegeben - 25 sind eingeladen worden.

Die Geraer Höhler Biennale für Installations-Kunst ist eine gute Adresse in Deutschland.

Wenn der Begriff SCHATTENwelt fällt, dann denkt man möglicherweise an Totenreich oder an ein zwielichtiges Milieu, vielleicht auch an illegale Wirtschaftsunter-nehmungen und den ungenehmigten Aufenthalt von Flüchtlingen. Parallelgesellschaften als SCHATTENwelt! Niemand weiß viel über die SCHATTENwelt, weshalb sie ein Ort wildester Spekulation ist. Ich habe von Ferne gehört, dass es außerhalb des regulären Bankensystems Schatten-banken geben soll. Heißen sie so, weil ihre Geschäfte das Licht zu scheuen haben? Vermutlich. - Nicht unerwähnt darf im Zusammenhang mit dem Thema SCHATTENwelt das Höhlengleichnis bleiben, das der griechische Philosoph Platon etwa 400 vor Christus aufgeschrieben hat.

An Händen und Füßen gefesselte Höhlenbewohner erleben die in ihrem Rücken liegende Außenwelt lediglich als Schatten an der Wand und halten die Schatten für die wahren Dinge. Bedrückend ist dabei für mich vor allem der Gedanke, dass die Gefangenen im Falle ihrer Freilassung die Welt außerhalb der Höhle für irreal und unwahr hielten, denn sie kannten Zeit ihres Lebens nur die Schattenwelt. - Der kurze Streifzug durch die Assoziationen zum Thema SCHATTENwelt macht deutlich, wie weit der Bogen für eine künstlerische Auseinandersetzung gespannt ist.

Für die Geraer Biennale ist als Form der künstlerischen Realisierung des Themas die Installation vorgegeben.

Die Höhler, einst – wie gesagt - gut kühlendes Bierlager, werden zum Kunstraum. Kurios, wir haben es endlich mal mit Kunst zu tun, die sich dem Bier verdankt, dem Bier-brauen! Weil der Raum unter der Erde liegt und demzufolge ohne natürliche Lichtquelle auszukommen hat, sind Künstler herausgefordert, ihr Licht mitzubringen. Sie entwickeln Licht-Installationen. Es stellt sich also nicht nur die Frage nach der gewählten gedanklichen Assoziation zum Thema SCHATTENreich, es stellt sich sofort die Frage nach dem Licht: Welche Lichtquelle mit welcher Lichtwirkung wird eingesetzt? - Jetzt wissen wir, worauf wir neugierig sein können. Nämlich auf gedankliche und stofflich-formale Antworten auf die Frage: Was ist eine SCHATTENwelt? Todeszone, Dunkelwelt, Schutzraum, Versteck?

Ich beginne meinen „Rundgang“ hier in diesem Text bei einer kleinen, unvollständigen Auswahl von Installationen, die mich durch ihre poetische Formensprache und ihr ungewöhnliches Material beeindruckt haben.

Bei Daniel Theiler, 1982 in Bonn geboren, ist die SCHATTENwelt etwas ganz Anderes, nämlich ein Mikro-kosmos aus Unmengen von Einzellern. In seinem Zukunfts-Labor entwirft der junge Künstler und Architekt vielleicht Utopie oder Dystopie unserer Zukunft. Führt er uns augenzwinkernd das wilde Wachstum unserer Städte vor? Experimentiert er mit natürlichen Formen? Jedenfalls hat er sich gedanklich zum Grund der Höhler gegraben. Da stand das Bierbrauen. Eigentlich findet die Entstehung des Bieres im Verborgenen in großen Braukesseln statt, in dem einzellige Lebewesen Zucker umwandeln. Diese mikros-kopische Transformation macht er zum Bild an der Decke des Höhlers. Bei Daniel Theiler ist es die Natur selbst, die sich ständig verändernde Formen schafft! Ein natürliches Kunstwerk, das – wenn Sie es zu Beginn Ihres Rundgangs betrachten – bei einem zweiten Blick vor Verlassen der SCHATTENwelt schon wieder ganz anders aussieht.

Joost Meyer, 1976 in Münster geboren, derzeit in Aachen zuhause, ist Bildhauer. Deshalb ist seine Installation auch besonders auf das Material bezogen und räumlich angelegt. Das Material ist nichts Besonderes, es handelt sich um Kunststofffolie. Aus ihr hat er drei Hammerhaie geformt. Weil er sie nach unten offenlässt, bleibt die Folie als Ausgangsmaterial erkennbar. Die Körper der Haie wirken zerfetzt. Wie mögen sie unter die Erde gekommen sein?

Die junge Tänzerin, Lyrikerin und Performerin Anna Debora Zimmermann überrascht in ihrem Höhler mit fast hundert durchsichtigen Schwimmflügelpaaren, die sie an Nylonfäden aufgehängt hat, dass sie zu fliegen scheinen. Plötzlich sind es keine handelsüblichen Schwimmflügel mehr! Die Künstlerin hat eine neue Spezies erfunden, die Flügelwesen, denen sie im Höhler ein sicheres Refugium geschaffen hat. Wunderbar poetisch!

Die 1980 hoch im Norden, nämlich im finnischen Karelien lebende Künstlerin Hanna Järvenpää hat entdeckt, dass das Skelett eigentlich die reinste menschliche Gestalt ist. Hier sind keine Zuweisungen nach Hautfarbe und Rasse möglich, mit der ansonsten Freund und Feind geschaffen werden. Spätestens mit dem Tod sind wir alle gleich! Hanna Järvenpää folgt diesem Gedanken, wenn sie aus recycelten Materialien zarte Collagen im Assoziationsraum der Skelettform entwickelt, die uns im Licht des Höhlers tatsächlich wie die reinsten Gestalten erscheinen.

Geht es in den gerade herausgehobenen Installationen eher um einen spirituellen, so fand ich auch beim Angebot der 8. Biennale viele Arbeiten mit einem konzeptuellen Ansatz. Beide Formen sind in Gera immer vertreten und ergänzen ganz klassisch die Formen der Installation. Jetzt habe ich geschaut, was die teilnehmenden Künstler aus ihren Assoziationen zum Thema SCHATTENwelt entwickelt haben. Wie reagieren sie auf von SCHATTENwelt abgeleitete Begriffe wie Todeszone, Dunkelwelt, Schutzraum, Versteck?

Der im thüringischen Ilmenau lebende und dort auch 1967 geborene Künstler Ambech hat ein bemerkenswertes konzeptuelles Programm, das vor allem Formen der Interaktivität benutzt. In Ambechs Kunst geht es um ein Reaktionsvermögen der realen Skulptur und Installation

dem Betrachter gegenüber. Die reale Skulptur seiner Geraer Höhler-Installation ist – jetzt sage ich es sicher etwas profan – ein Geldsack. Gemeint ist nicht unser Portemonnaie! Wie und wodurch sich der öffentliche Geldsack oder der Geldsack der Schattenbanken bläht und schrumpft, das müssen Sie entdecken! Wobei allerdings einschränkend anzumerken ist, dass die Gründe für Schwankungen der Geldmengen meist im Dunkeln liegen bzw. im transluziden Körper (= Geldsack). Spannend!

Kurioserweise nähern sich die beiden Künstler Helmut Massenkeil (1949 in Oberlahnstein geboren) und Robert Kessler (1956 in Nürnberg) in ihrer interaktiven Installation ebenfalls dem Thema Geld. Hier aber ist – anders als bei Ambech - der Einzelne gemeint. Es geht um unser Geld.

Wer sich auf dieses außergewöhnliche Angebot zum Mitspiel einlässt, wird die Schattenseiten seiner Nähe zum Geld erfahren können!

Auf der Höhe der Zeit ist das diesjährige Kunstangebot dort, wo es sich dem Thema Flüchtlinge zuwendet. Natürlich ist Kunst nie der verlängerte Arm der medialen Berichterstattung, aber aufgefordert zur Einmischung ist sie durchaus. Dies tun in ihren Installationen Myriam Gross Mall (1969 in St. Gallen), Wolfgang GEMmer (1959 in Wiesbaden geboren) und Jeong-Eun Lee aus Südkorea (1969 in Seoul, sie lebt in Hamburg).

Die aus der Schweiz stammende Malerin und Performerin Myriam Gross Mall bringt Licht in die SCHATTENwelt von illegaler Immigration. Sie will die kriminellen Menschen-händler ins Licht ziehen. Unter dem Zitat „sub umbra eunt - sie gehen im Schatten“, begegnet der Betrachter einer Gruppe Flüchtenden. Am Ende des langen Ganges soll die Frage thematisiert werden, wer diese ungeheure Massenflucht organisiert und was ist das für eine Welt, die sich im Schatten dieser Bilder befindet. Der Künstler Wolfgang GEMmer konfrontiert uns in seiner Installation mit unseren „unguten Gefühlen“ dabei. - Jeong-Eun Lee verwandelt mittels licht-technisch suggestiv angebrachter Fotos den Höhler in einen Raum unseres Unterbewusstseins, „in welchem die Schatten der unverarbeiteten und verdrängten alltäglichen Schreckens-nachrichten zu einem unbegreiflichen Eigenleben erwachen“ .

Die unterschiedlichen künstlerischen Zugänge, je nach Herkunft, Werdegang und Temperament der Künstlerinnen und Künstler, sind auch 2017 der Reiz der Biennale.

Nach ihren Höhepunkten in den 60er bis 80er Jahren fristet die Form der Installation heutzutage eher ein Randdasein.

Sie existiert fast wie in einer Schattenwelt. In Gera nicht.

Die internationale Höhler Biennale von Gera ist ein Anziehungspunkt für diese Kunstform. Die Jury, die bis zum Ende der Ausstellung den Deutschen Installationskunst-Preis in Form des Haupt- und des Sonderpreises vergibt, hat die Qual der Wahl aus einer Fülle herausragender Einreichungen. Die Besucher übrigens auch, denn Sie vergeben den Publikumspreis!

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